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Anniversary of one of the very first german slam poems

Jubiläum eines der ersten deutschsprachigen Slamgedichte

30 Jahre "INFLATION" 1993-2023

30th anniversary of "INFLATION" 1993-2023

Rezitation des Kölner Gedichts "INFLATION" (1993) vom Mini-CD-Album "freies fleisch" der DR2-Band "Das Rilke Radikal", produziert von Ruzbee 1998 im Düsseldorfer Studio / Text+Stimme: De Toys


"INFLATION" © POEMiE™ auf YouTube in der Playlist @ http://www.LYRIKPERFORMANCE.de / 30-jähriges Jubiläum 2023: eines der ersten deutschen Slamgedichte aus den 90ern ins 21.Jahrhundert hinüber gerettet! Das Gedicht wurde 2020 im Düsseldorfer Best-Of-Poemie-Werkquerschnitt "DIREKTE DICHTUNG" (BoD Verlag) neu veröffentlicht. Die Erstveröffentlichung geschah 1995 im Krefelder Werkquerschnitt "DIE WELT ALS SCHOCK UND ERWEITERTE TATSACHE" (G&GN-Verlag, limitierte Copy-Art-Ringbindung), die Live-Uraufführung fand bereits am Entstehungstag 26.12.1993 im legendären Kölner Jazzcafé Storch auf der Aachener Straße statt. Die StadtRevue hatte die Lesung als Tagestipp präsentiert, so daß ungewöhnlich viele Zuhörer anwesend waren, darunter auch zwei esoterisch angehauchte Damen, die etwas enttäuscht wirkten, daß sich die als "Seinspoesie" angekündigten Texte als derart radikal weltlich entpuppten und der Vortragende kein greiser/weiser Guru war, sondern "nur" ein 25-jähriger schräger Vogel, der erst drei Jahrzehnte später ein Buch namens "DAS TABU DER PSYCHIATRIE" veröffentlichen würde, in dem er seine Kritik an der Egofixiertheit der Gesellschaft anti-esoterisch psychophilosophisch belegt...

 

"Als ich die Autorengruppe der Anthologie Downtown Deutschland 1993 auf der Mainzer Minipressenmesse erlebte, spürte ich einen konspirativen Geist, dessen Geheimnis sich mir kurz danach offenbarte: sie hatten dort die Idee der Literaturfestivals unter dem Schlagwort Social Beat entwickelt! Da ich damals als sehr expressiver Kölner Lyrikperformer bekannt war, wurde ich nach der Buchmesse dank der Vermittlung durch den Kollegen GrIngo Lahr eingeladen, auf dem 1.Berliner SB-Festival im selben Sommer aufzutreten. Zu jenem Zeitpunkt gab es noch keine verhärtete Lagerbildung zwischen den Bukowski-fanatischen Nordost-Autoren (die on stage meist besoffen waren und denen ich bald schon das Etikett Pimmelprosa verlieh), und den eher experimentellen Südwest-Künstlern rund um den Killroy Media Verlag, die von den Bukowski-Epigonen als zu intellektuell und akademisch empfunden wurden. Über diesen literaturtheoretischen Differenzen zerbrach die Bewegung letztlich schon Ende der 90er wieder, was ich persönlich sehr schade finde, da wir gerade durch diese große Bandbreite ein viel bunteres Publikum bedienten, als es ein einzelner Autor mit seiner Selbstvermarktung vermag."

Tom de Toys, Düsseldorf, den 6.12.2021 @ G&GN-INSTITUT (www.g-gn.de)

 


Vom legendären Musikvideo (Bob Dylan) über sogenannte Poetry Spots (Bob Holman) bis zum zeitgenössischen Lyrikfilm

"...Nun sind Hermann Hesse, Paul Celan und Heiner Müller nicht unbedingt geeignet, die Massen ins Kino zu locken. 500 Nackte, die aufeinander einprügeln und sich mit blutroter Farbe bewerfen, vielleicht schon. So wurde das Gedicht ÜBERSTRÖMUNG von Tom de Toys in Szene gesetzt..." (Süddeutsche Zeitung, 2001)

 

Die Geschichte der Poetryclips beginnt eigentlich schon bei Bob Dylans berühmtem Musikvideo des Songs "Subterranean Homesick Blues" von 1965 (siehe auch alternative Version & neu: Remake von 2022), in dem er die Blätter mit den gesungenen Wörtern zeigt und dann fallen lässt. Aber erst in den 80ern entstanden die ersten sogenannten "Poetry Spots" von Bob Holman, auf den Tom de Toys 2001 im Berliner Bastard traf, wo beide bei Wolf Hogekamps Poetryslam teilnahmen. In jenem Jahr wurde am 19.8.2021 das religionskritische Gedicht "ÜBERSTRÖMUNG" von De Toys für Ralf Schmergs Kinofilm "Poem" mit Fanta4-Sänger Smudo in der Hauptrolle verfilmt, aber im Final Cut gegen Schillers Ode "AN DIE FREUDE" ersetzt. 2003 schrieb De Toys das Film-Preview "POEM - PATHOS & PLAGIATUR (VON DER RELIGION ZUR REGIE UND ZURÜCK)" über die Fehler und Schwächen des Lyrikfilms, der 2004 beim 2. Zebra Poetryfilm Festival zu den Gewinnern zählte...

 


De Toys, Dec. 26, 1993

(adaptation May 16-17, '22)

INFLATION

another poem and
another poetic line
i tell you the truth
there is nothing divine
another poem and
another poetic line
but searching your soul
will be never fine
yeah i do write again
and again and again
i write again one
poem more and
more one more
who cries will fall thru
smuggling cracks
oh there is nothing
to keep me alive
in the sick folder
he saw and wrote
down everything
the repetition took
by that its course
and if at some point
somebody secretly
asks what did he want
the longing weighs
a thousand books
oh well it's long ago
and always the same
enough artists have been
against the german flag
but nothing works by
sitting in the egg
they laugh at you
and stir the porridge
the scam they carry out
until the end until the
end is off off off let me
out of the bounds
the ending tastes bitter
the german gets used
to every rain shower
i tell you art isn't dead
but art has no power
so my work is done i'm
allowed to get drunk
art as an useless joke
never learns the funk
to be beautiful means
everyone pays the price
just nice so nice just
nice nice nice without
any meaning behind
the mirage the mirror
mirror on the wall
betrays the poet's
very fast finger
establishing healing
help and hope but
not in the crowd and
not in this country
oh i hate them so much
stupidity cannot be
skinned everywhere every-
thing comes to no end but
the sand in the gears is
running like clockwork
or piled in a museum
everyday life is a winner
the artist a loser gets
spanking instead of
thanking it's easy to
curse about the world
but no one can fuck
off in the very end as
the sky is not blue and
angels not white i do
write a poem about
that bunch of shit
and another poem and
another poetic line
nobody turns clever
just the crack gets
wider as ever i keep
writing who believes
still in the greatest light
and through the ureter
my real face screams
it's right that paradise
got the weight of earth
the planet is coloured grey
i feel so queasy in my belly
a thousand brains in my skull
so i write one more and
some more and some more
and more and more
until my patience is gone
my blood full of pus
and my heart worn out
my mouth has been a
pyre for a very long time
and yet nobody sees
the pain in the pictures
i tell you today play
along like yesterday
or flee

flee flee
the backbone does not
break the vertebrae
slowly but surely
become soft like
knees so
cheer up boy
and

thanx

Tom de Toys, 26.12.1993

INFLATION

 

und wieder ein gedicht

und wieder ein gedicht

und deinen lieben gott

den gibt es nicht

und wieder ein gedicht

und wieder ein gedicht

und deine seele kannst du

lange suchen

ja ich schreibe wieder

schreibe schreibe

schreibe wieder

noch eins noch eins

und noch ein gedicht

wer weint fällt

durch das geldgeschiebe

ach daß mich nichts hält

an diesem leben

bleibt im krankenordner kleben

alles sah und schrieb er auf

die wiederholung nahm so ihren lauf

und falls sich irgendwann

mal irgendwer

klammheimlich fragt

was wollte der

wiegt schon die sehnsucht

tausend bücher schwer

ach lang ists her

und immer dasselbe

künstler hatten wir genug

gegen das schwarzrotgelbe

im ei kannst du nichts machen

sie müssen dich verlachen

und rühren den brei

und führen den betrug

aus

bis ans aus bis ans

aus aus aus

laßt mich hier raus

das ende schmeckt bitter

der deutsche gewöhnt sich

an jedes gewitter

die kunst ist nicht tot

nein die kunst gabs noch nie

meine arbeit ist getan

ich kann mich besaufen

die kunst als unnützer scherz

lernt nie wirklich laufen

schön darf sie sein

dann will sie jeder kaufen

ja schön ja schön ja

schön schön schön

nur nichts bedeuten

was hinter dem schein

der spiegel spiegel

an der wand

verrät des dichters schnelle hand

könnte hilfe hoffnung

und heilung einläuten

aber nicht bei der masse

und nicht in diesem land

oh wie ich sie hasse

die dummheit läßt sich nicht häuten

hier wie überall

verläuft alles im sand

und der sand im getriebe

wird gut geschmiert

oder im museum gehäuft

der alltag gewinnt

der künstler verliert

statt liebe nur hiebe

und über diese welt

kann jeder fluchen

aber sich verpissen

das kann letztlich keiner

denn der himmel ist nicht blau

und engel nicht weiß

ich schreibe ein gedicht

über diesen affenscheiß

und noch ein gedicht

und noch ein gedicht

denn keiner wird gescheiter

bloß die spalte immer breiter

ich schreibe immer weiter

wer glaubt noch an das große licht

und durch den harnleiter

schreit mein echtes gesicht

das paradies hat erdengewicht

und die erde die ist grau

mir ist im bauch so flau

und in der birne tausend hirne

drum schreib ich noch eins

noch eins und noch eins

weiter weiter immer weiter

bis meine geduld gerissen

mein blut voller eiter

und das herz verschlissen

mein mund ist schon lange

ein scheiterhaufen

und trotzdem sieht keiner

in den bildern den schmerz

ich sage dir heute

wie gestern spiel mit

oder flieh

flieh

flieh

das rückgrat bricht

nicht

die wirbel werden

langsam aber sicher

weich wie die

knie

und kopf hoch

junge

und

danke