Lochperhappening, Berlin-Neukölln, den 27.6.2005 (c) Foto by: Patrick Munck
Lochperhappening, Berlin-Neukölln, den 27.6.2005 (c) Foto by: Patrick Munck

 

"Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern WIE SIE WIRKLICH SIND, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen."
Franz Marc, ca. 1914 in: ZITRONENPFERD UND FEUEROCHSE (1990)

"Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne. Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt."
Kurt Tucholsky, aus: "Zur soziologischen Psychologie der Löcher", erstveröffentlicht in der Weltbühne, 17.3.1931

"Zen heißt: Das Leben mit eigenen Augen sehen; und wenn der Philosoph und der Künstler alles abschildern, was es zu sehen gibt, werden ihre Schilderungen gar leicht zum Ersatz für die Erfahrung aus erster Hand. Eben darum ist der Zweck der Philosophie und der Kunst nicht, einen Abklatsch des Lebens in Worten oder Bildern zu liefern, denn das wirkliche Ding ist besser als jede Nachbildung davon. Ihr Zweck ist, uns durch Hinweise zum Selbersehen anzuregen."
Alan Watts, in: VOM GEIST DES ZEN (1935)

"Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Sandkorn und der Ewigkeit. Sie müssen sich die Ewigkeit nicht als etwas vorstellen, das im Sandkorn enthalten ist. Das Sandkorn IST die Ewigkeit. Genau so wenig unterscheidet sich die Tatsache, dass wir jetzt hier sitzen, vom Nirwana. So wie wir hier sitzen, sind wir im Nirwana. Sie brauchen weder zum Sandkorn noch zu unserem Hiersitzen einen philosophischen Kommentar abzugeben. Er erübrigt sich."
Alan Watts: DIE RELIGION DER NICHT-RELIGION (1965), in 'Buddhismus verstehen' (1995)

"Du kannst das alles loslassen, du kannst den ganzen Krampf entspannen. (...) Das scheinbare Ich kann nichts tun, um zu erkennen, dass es eine Illusion ist. (...) Plötzlich Leere, plötzlich niemand da, zu dem all das gehört. (...) Niemand kann dir zu dem verhelfen, was schon der Fall ist. (...) Es ist niemand da, der den Verstand transzendieren könnte. (...) Das wilde Auf und Ab der neurotischen Denkmaschine mündet ein in ein gelindes Staunen. (...) Aufwachen heißt, die Leerheit der Leere sehen."
Richard Sylvester, in: ERLEUCHTET - UND WAS JETZT? (2006)

 

www.Eutopie.de

Tom de Toys, 17.6.2018, nach dem gestrigen Besuch des Arpmuseums in Rolandseck

WARUM MAN KUNST MACHT ODER IRGENDWANN NICHT MEHR (DER FEINE UNTERSCHIED ZWISCHEN SYMBOLISTISCHEM & KONKRETISTISCHEM LEBENSGEFÜHL AUS DER SICHT EINES AUSTHERAPIERTEN KÜNSTLER-EGOS)

Bevor ich mich traute, die Antidepressiva-Psychopharmaka FLUOXETIN (morgens) und RISPERIDON (abends) zur Unterstützung der Psychotherapie in einer Tagesklinik einzunehmen, hatte ich das falsche Vorurteil, daß solche chemischen Substanzen nur dazu führen, ruhiggestellt zu werden und total matsche sabbernd den Flur der "Geschlossenen" einer Psychiatrie entlang zu schlurfen. Erst die Erklärungen vom Psychiater ermutigten mich, ihre Wirkung auf die Gedankenstrudel und Gedankenkreisel auszuprobieren. Nach einigen Wochen geschah ein Wunder: das Selbstgespräch des Egos verstummte und das Selbstgefühl und die Selbstliebe im Körpergefühl konnten klar und deutlich gespürt werden! Das eigentliche Trauma war das Ego selber, nicht seine Erfahrungen und Erinnerungen! Keine Gesprächstherapie und kein Gesprächstherapeut hatte mich darauf hingewiesen, daß das Ego nur eine Illusion des Sprachzentrums ist, die wir durch Denken und Sprechen konditionieren anstatt ins egofreie Existenzgefühl heimzukehren!

(Ausgewählte Bücher über meinen Therapietrip, die Transreligiosität und den Neuroatheismus @ www.NEUROGERMANISTIK.de)

 

Mir schwirren seit einigen Tagen Gedanken darüber durch den Kopf, warum ich jahrzehntelang Kunst machen musste, weil mir bewusst wurde, daß ich seit der erfolgreichen Behandlung mit Psychopharmaka (Risperidon & Fluoxetin gegen die "letzten" Gedankenkreisel) immer seltener das Bedürfnis verspürte, metaphysische Gedichte zu schreiben und mystische Bilder zu malen, aber vorallem bereits seit vielen Jahren keine einzige Loch-Performance mehr aufgeführt hatte. Stattdessen nahm das Interesse an der "KONKRETEN FOTOGRAFIE" (mit meinem Lieblingsthema: Regentropfen auf Grashalmen) als ein meditatives Hobby ohne messianisch-ideologisch zwanghaften Impuls ständig zu. Was ich damit sagen will: Es scheint mir zweierlei Arten von menschlicher Haltung zu geben, um mit dem Weltganzen zurecht zu kommen. Einerseits eine Haltung, die an etwas GLAUBT und diesen Glaube an Andere irgendwie weitervermitteln will. Aus dieser "inneren Notwendigkeit", ein quasireligiöses (esoterisches) GEHEIMNIS zu lüften und durch kreative Aktivitäten zu symbolisieren, also sichtbar zu machen, was ansonsten nur ungreifbar für die Sinne bleibt, entsteht dann in Folge automatisch "hohe" Kunst, die einem persönlichen lebensphilosophischen Ismus folgt (in meinem Fall: dem Lochismus bzw. Neuroatheismus) und sogar zu einem eigenständigen kunsttheoretischen Ismus führen kann, der sich bestenfalls in einem stilistischen Alleinstellungsmerkmal niederschlägt, so daß der persönliche Werkprozess nachträglich in den historischen Kanon des kollektiven Kulturerbes aufgenommen wird und von Kunstwissenschaftlern mit einer extra dafür geschaffenen Logik aus dem angeblichen Zeitgeist heraus erklärt werden kann. Alle sind dann zufrieden und können zur nächsten Epoche übergehen. So peitschen wir uns durch die Jahrhunderte mit ihren unzähligen Welterklärungsmodellen und Weltformeln, nicht nur in der Philosophie und Physik, sondern eben auch in der Kunst, die von den Geheimniskrämern und Geheimnislüftern für jene Artgenossen produziert wird, die ebenfalls an ein Geheimnis glauben, aber nicht selber über adäquate kreative Talente verfügen (mangels Selbstbewusstsein oder aufgrund der dogmatischen Komparatistik in kunstpädagogischen Kontexten), um dieses Gespenst sichtbar zu machen. Der Kunstrezipient ist dementsprechend tatsächlich ein Konsument des Vergeistigten, der seinen Hunger nach Antworten auf "große, letzte" Sinnfragen im Supermarkt der Kunstszene zu stillen versucht, indem er tagtäglich aufs Neue diesen Heißhunger verspürt und dadurch angetrieben wird, auf sogenannten avantgardistischen Vernissagen in Galerien aufzukreuzen oder massenhaft in die großen Museen zu strömen, um klassische Werkschauen mit seinen suchenden Augen zu vergewaltigen. Eine ganz andere Art von menschlicher Haltung gegenüber dem Weltganzen ist der austherapierte Mensch, der auf seiner "spirituellen Suche" nach irgendeiner Erleuchtung das Glück hatte, daß sich dieser Spuk eines Geheimnisses irgendwann auflöste und dadurch die zwanghafte "innere Notwendigkeit" verschwand, dieses Geheimnis kreativ zu symbolisieren. Nun dachte ich komischerweise jahrzehntelang, daß ich bereits mit der Entdeckung des Lochismus diesen Kunstimpuls überwunden hätte und meine eigene Kreativität sozusagen nur noch ein paradoxer ironischer Impuls sei, ja eine IRONISCHE IDEOLOGIE, weil meine Werke im Geiste des Lochismus behaupten, es gäbe überhaupt kein Geheimnis, aber trotzdem genau diese Botschaft in Kunst verwandelten. Mir ist erst vor einigen Jahren (aufgrund eines seltsamen Ereignisses, das sich für mich als lebenstechnisch viel entscheidender herausschälte als alle Erkenntnisse bis dahin) bewusst geworden, wodurch diese praktische Paradoxie psychologisch ermöglicht wurde, anstatt daß das große Schweigen und zenbuddhistische Nichtstun aus der Erkenntnis des Loches hätte entstehen müssen: es gab damals immer einen Erkennenden, ein erkennendes Ego, das die Erkenntnisse auf sich bezog und verwertete: das Ego erkannte, daß es ein Loch an der Stelle gab, wo die Gläubigen ein Geheimnis vermuten, und das Ego erkannte sogar, daß es sich auch selber in diesem Loch auflöste! Aber es stand diesem finalen unendlichen Loch als ein Ego stets gegenüber, am Rande des Abgrunds, und schaute in dieses Nichts hinein, konnte mit dem berühmten Finger des Zenmeisters auf diesen taoistischen Vollmond zeigen und sagen: es gibt keinen Mann im Mond - der Mond ist leer! Der künstlerische Impuls war also noch längst nicht überwunden, sondern das Ego kreierte aus seinem Symbolisierungsdruck heraus eine PARADOXE BILDSPRACHE, die im buddhistischen Sinne alles negiert, entfernt, entleert und wegnimmt (wie das berühmte Herz-Sutra), so daß am Ende nur noch das reine Nichts zu konsumieren bleibt. Und so konsumierte das Ego sein Nichts über Jahre hinweg (ich nannte das einmal in einem Essay die "SPIRIPSYCHOSE": www.Über-Ich.de) im allerbesten Glauben, seine eigene spirituelle Befreiung zu symbolisieren. Das Ego war allerdings nicht in der Lage, die Paradoxie an sich, die es selbst als Antibotschaften produzierte, existenziell aufzulösen, da das Ego selber ein fundamentaler Bestandteil dieser Paradoxie war. Erst als sich das Ego höchstselbst auflöste (dokumentiert in dem Essay über die "NAMENFREIHEIT": www.BoreoutYoga.de) und keine sogenannte "Person" mehr Erkenntnisse auf sich selber bezog, trat ich in einen neuen Lebensabschnitt ein, der sich von meinem bisherigen Lebenswandel so radikal unterschied, daß ich verblüfft war, als würde ich auf einen Fremden zurückblicken, und mich seitdem nicht mehr als Künstler in diesem alten Sinne des Symbolzwangs definieren kann, sondern nur noch als meinen eigenen Nachlassverwalter. Stattdessen begann 2014 das restlos sinnlich-konkrete Leben, wie es mir 1989 bereits in meiner Locherfahrung visionär angedeutet wurde: sinnerfüllte Sinnlichkeit ohne hedonistisches Ego, das einen Sinn "hinter den Dingen" sucht. Dazwischen liegen 25 Jahre der manisch-hyperaktiven Künstleridentität, in denen ich über 2000 Gedichte über die Geheimnislosigkeit schrieb (siehe der Werkquerschnitt 1985-2015 "BODENLOS VERWURZELT WIE EIN STERN": www.Poemie.de), weit über 200 Bilder im alten "abstrakten" (symbolischen) und im neuen (konkreten) Stil meines "Integralen Impressionismus" über die Leere malte (www.IntegraleKunst.de), und mich als Lochperformer verausgabte (www.Lochismus.de), ohne zu ahnen, oder doch: nämlich nur zu AHNEN, daß dieser kreative Zirkus irgendwann ein Ende haben würde, aber nicht zu WISSEN, wieso dieses Ende eintreten würde und wie. Ich habe noch keinerlei brauchbaren Erfahrungswert, ob sich die Auflösung des Egos mit herkömmlicher Psychologie oder Kunst irgendwie darstellen lässt, obwohl ich es wenigstens literarisch versuche, indem ich essayistische Dokumente wie dieses fabriziere. Ich kann nur erleichtert aufatmen und dankbar sein, weil endlich der manische Zwang wie eine giftige Schlacke von meiner Haut abgewaschen wurde und ich im Spiegel jetzt endlich den Mensch sehe, der ich tatsächlich bin: eine Bewusstseinsmaschine, die alles durch und durch "nullyogisch" ABSOLUT KONKRET empfindet (danke, Pier Zellin, für die fachsprachliche Nachhilfe!) und diese hypnotische Stimme im Kopf endlich schweigt, die früher einmal dafür sorgte, daß es einen "Tom de Toys" gab, der begeistert war, wenn diese fiktive ekstatische Person in mir behauptete, wieder einmal ein tolles, geniales Werk zu erfinden, um das Geheimnis der Geheimnislosigkeit so perfekt auszudrücken, daß sie das letzte Gedicht oder Kunstwerk erschaffen würde, das wie eine magische Weltformel auf die gequälte Seele rückwirken müsste, die dadurch geheilt werden könnte, erlöst von ihrem Bedürfnis, jemals wieder Kunst zu machen, die besser oder gelungener ausdrücken könnte, was das Genie jetzt und nur jetzt erschuf. Eine Krankheit war Kunst allerdings nicht, nein, so weit würde ich nicht gehen. Ich sehe nur heute den Unterschied zwischen den beiden Sorten Mensch so gestochen scharf, wie mir das früher durch die Brille des Egos nicht möglich war: der symbolistische Mensch mit einem Geheimnis (das von seinem Ego gehütet wurde) und der konkretistische Mensch ohne Glaube (weil ihm das Ego fehlt, um etwas zu glauben). Das klingt so banal, wenn man es aufschreibt, so fürchterlich einfach und kaum nennenswert. Aber ich sehe den Unterschied tagtäglich in der Politik und im ganzen Weltgeschehen, wie die symbolischen Menschen einerseits handeln (und mit ihren Glaubenssystemen gegeneinander brutalste Wirtschaftskriege führen) und wie die konkreten Menschen andererseits überall zunehmen, als sei wirklich ein neues Zeitalter angebrochen, in dem man nicht Hippie oder Punk sein muss, um sich freier zu fühlen als der sogenannte angepasste Mensch, sondern ein ebenso stinknormaler Bürger wie auch die Gläubigen sein kann. Der feine Unterschied macht sich erst im normalen Alltag bemerkbar, wenn es zu Situationen kommt, in denen sich der Gläubige neurotisch pikiert verkrampft und der Freie nur herzlich lachen kann, weil er gar kein echtes Problem empfindet, sondern in restloser Kommunikation aufgeht...


Tom de Toys, 15.5.2016

DEPRESSION: DISIDENTIFIKATION STATT DISSOZIATION

Therapietrips sind Egotrips, weil sowohl neurobiologische als auch spirituelle Psychologien dem Dogma der DUALISTISCHEN DISSOZIATION huldigen anstatt die Überwindung der urschizophrenen Objektkultur durch totale Disidentifikation von allen Objekten anzustreben. Der Dualismus glaubt an ein sakrales Objekt im Zentrum des Geschehens, um das unser gesamtes Universum kreist. Je nach klinischer oder spiritueller Schule heißt dieses Zentrum Ich, Seele, Gott, Leere oder Nichts und ist prinzipiell transzendent. Psychische Probleme erfahren darum nur eine hypnotische Symptombehandlung anstatt die Illusion des Egos als eigentlichen Problemverursacher zu enttarnen und in der "randlosen Mitte" (=Unendlichkeit) anzukommen. Diese Mitte ist eben kein Objekt mehr sondern ein perinzendenter Bewußtseinszustand der entprojizierten, offenen Gegenwärtigkeit - ankommen heißt, nur noch "grundlos inwesend" zu sein. Depressionen als Lebenskrisen sind daher eigentlich großartige Chancen, um die Definition der eigenen Persönlichkeit radikalontologisch umzukrempeln. Solange der Mensch sich als isolierte Person mit einem (traumatisierten) Charakterpanzer empfindet, muß er ständig unter seinen Symptomen leiden. Erst wenn das Bewußtsein sich selbst nur noch als Wechselspiel des Wahrgenommenen erkennt, kann es jedem Phänomen wertfrei begegnen, ohne es auf ein persönliches Zentrum zu beziehen. Die totale Disidentifikation von aller Objekthaftigkeit ist darum gerade kein Nichts oder Gott (beides transzendente Objekte!), sondern scheinbar paradoxerweise das Einssein mit dem jeweiligen Objekt, als das sich das Bewußtsein von Augenblick zu Augenblick präsentiert: der Täter ist nichts weiter als das ganze Getue selbst. In diesem Sinne verstehe ich auch den Lochismus von Alan Watts und das Nullyoga von Pier Zellin.